Mit der Genehmigung des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes ist eines der größten Infrastrukturprojekte der Energiewende offiziell auf den Weg gebracht. Rund 9.000 Kilometer an Leitungen – teils umgestellte Erdgasleitungen, teils Neubau – sollen bis in die frühen 2030er Jahre schrittweise in Betrieb gehen und Wasserstoff von Erzeugungs- und Importstandorten zu den zentralen Industrieregionen transportieren. Politisch und regulatorisch ist ein entscheidender Schritt geschafft.
Was seltener thematisiert wird: Wer soll dieses Netz eigentlich bauen, in Betrieb nehmen und über Jahrzehnte sicher betreiben? Der Arbeitsmarkt für die notwendigen Qualifikationsprofile ist schon heute eng.
Was das Kernnetz technisch bedeutet
Das Kernnetz besteht überwiegend aus zwei Kategorien: umgestellte Erdgasleitungen, die auf reinen Wasserstofftransport angepasst werden – ein Prozess, der erhebliche Eingriffe an Materialien, Dichtungen und Messtechnik erfordert –, sowie vollständig neu gebaute Abschnitte dort, wo keine geeignete Bestandsinfrastruktur existiert. Beide Kategorien erfordern spezialisiertes technisches Wissen, insbesondere zu Wasserstoffversprödung von Stahlwerkstoffen, veränderten Dichtungsanforderungen und angepassten Sicherheitskonzepten.
Warum der Personalbedarf so schwer zu decken ist
Erstens die zeitliche Kompression: Anders als der klassische Netzausbau, der sich über Jahrzehnte entwickelt hat, muss das Kernnetz in wenigen Jahren realisiert werden – ohne Zeit für organisches Wachstum der Belegschaft. Zweitens handelt es sich um ein faktisch neues Berufsbild: Es gibt kaum Fachkräfte mit mehrjähriger, praktischer Erfahrung im Bau und Betrieb von Wasserstoff-Fernleitungen. Drittens konkurriert der Bedarf direkt mit dem klassischen Rohrleitungsbau – Fernwärme, kommunale Wasserinfrastruktur, industrielle Prozessmedien –, da sich die Grundqualifikationen stark überschneiden. Viertens erschwert die regulatorische Komplexität rund um Druckgeräterichtlinie und Wasserstoffverträglichkeit die Personalgewinnung zusätzlich, weil kontinuierliche Weiterbildung notwendig ist.
Die Schlüsselpositionen
Für Bau und Umstellung braucht es zunächst Projektleitung für Wasserstoffleitungsbau, die Planung, Genehmigung und Bauausführung über Jahre hinweg steuert. Unverzichtbar sind zudem Schweißaufsichtspersonen und Qualitätssicherungsbeauftragte nach Normen wie EN ISO 3834 – ohne sie darf ein Projekt schlicht nicht in die Ausführung gehen. Ebenso kritisch sind Materialwissenschaftler, die die Eignung von Leitungsmaterialien für Wasserstoff bewerten, ein Themenfeld, das an deutschen Hochschulen bislang nur an wenigen Instituten in ausreichender Tiefe gelehrt wird. Für die Umstellung bestehender Leitungen braucht es außerdem Inbetriebnahme-Ingenieurinnen und -Ingenieure, die den sicherheitskritischen Umwidmungsprozess verantworten.
Sobald Abschnitte in Betrieb gehen, verschiebt sich der Bedarf: Netzführung für Wasserstoffleitungen erfordert spezifische Fachkenntnis zu anderen Fließgeschwindigkeiten und Druckverhältnissen als bei Erdgas. Ein leistungsfähiges Instandhaltungs- und Asset-Management-Team überwacht die langfristige Integrität der Leitungen, gerade bei umgestellten, teils jahrzehntealten Trassen besonders wichtig. Und Sicherheitsingenieure entwickeln Notfallkonzepte, die dem anderen Explosions- und Diffusionsverhalten von Wasserstoff Rechnung tragen.
Woher die Fachkräfte kommen können
Die naheliegendste Quelle ist der klassische Erdgas-Fernleitungsbau, aus dem sich ein erheblicher Teil der Grundqualifikation direkt übertragen lässt, ergänzt um gezielte Zusatzqualifizierung. Eine zweite, ergiebige Quelle ist die chemische und petrochemische Industrie, in der der Umgang mit drucküberwachten Rohrleitungssystemen – teilweise sogar mit Wasserstoff selbst – bereits langjährige Praxis ist. Eine dritte Quelle ist die akademische Forschungslandschaft mit tiefem theoretischem Verständnis für Materialwissenschaft und Sicherheitstechnik. Und international lohnt sich ein Blick auf Länder wie die Niederlande, die bei Wasserstoffinfrastruktur bereits einen gewissen Erfahrungsvorsprung haben.
Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten
Der Personalaufbau sollte nicht erst dann angegangen werden, wenn ein Streckenabschnitt zur Ausführung ansteht. Sinnvoll ist eine mehrjährige Personalstrategie, verknüpft mit dem bekannten Zeitplan der Kernnetz-Realisierung. Ein zentraler Baustein ist der Aufbau eigener Qualifizierungsprogramme, die erfahrene Fachkräfte aus dem Erdgas- und Rohrleitungsbau gezielt auf Wasserstoff vorbereiten – wer frühzeitig investiert, verschafft sich einen strukturellen Vorteil gegenüber Wettbewerbern, die auf bereits vollständig qualifizierte externe Kandidatinnen und Kandidaten warten.
Ebenso lohnenswert sind Kooperationen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen für frühzeitigen Zugang zu Nachwuchskräften. Für besonders kritische, schwer zu besetzende Rollen – etwa Schweißaufsicht mit Wasserstofferfahrung oder spezialisierte Materialwissenschaftler – empfiehlt sich der gezielte Einsatz spezialisierter Executive-Search-Partner, die über ihr Netzwerk in angrenzenden Industrien passive Kandidatinnen und Kandidaten identifizieren und für einen Wechsel gewinnen können. Ein Blick auf internationale Erfahrungen, etwa aus den Niederlanden, kann zusätzlich helfen, typische Anfängerfehler bei Qualifizierung und Sicherheitskonzepten von vornherein zu vermeiden.
Regionale Schwerpunkte
Der Personalbedarf konzentriert sich entlang bestimmter industriell bedeutsamer Korridore. Die Rhein-Ruhr-Region mit ihrer hohen Dichte an energieintensiver Industrie – Stahl, Chemie, Raffinerien – gehört zu den Gebieten mit dem frühesten und intensivsten Ausbaubedarf. Ähnlich bedeutsam ist Norddeutschland als Anlandepunkt für importierten Wasserstoff und Ausgangspunkt für die Anbindung von Offshore-Windenergie-basierter Elektrolyse. Auch Süddeutschland, insbesondere Bayern und Baden-Württemberg mit ihrer starken Industriebasis, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Unternehmen, die in mehreren dieser Schwerpunktregionen gleichzeitig Personal benötigen, sollten eine koordinierte, überregionale Personalstrategie entwickeln.
Fazit
Mit jedem zusätzlichen Streckenabschnitt, der von der Planung in Bau und Betrieb übergeht, steigt der kumulative Personalbedarf weiter – bei einem Talentpool, der strukturell nur langsam wachsen kann. Genehmigung und Finanzierung sind notwendige, aber keine hinreichenden Voraussetzungen für ein erfolgreiches Projekt. Entscheidend sind, wie so oft, die Menschen, die es tatsächlich bauen und betreiben.